Stockholm – Riga

geschrieben am Dienstag, 9. März 2010

Stockholm
Am ersten Morgen in Stockholm buk Israel extra für uns Eierkuchen. Er ist schon ein lustiger Zeitgenosse. Gebürtiger Madrilene, Physikstudent seit vielen Jahren und nun für ein Jahr als Erasmusstudent im kühlen Norden mit einem Redefluss, der seines Gleichen sucht. Zum Glück konnten wir kein Spanisch, sonst wären wir vermutlich gar nicht mehr zu Wort gekommen. Allerdings profitierten wir sehr von den vielen hilfreichen Tipps, die er uns mit auf unseren Fußweg durch die schwedische Hauptstadt gab.

Trotz 72-Stunden-Ticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel schlenderten wir zu Fuß am Vormittag vom Tunnelbana-Bahnhof „Tekniska Högskolan“ an Kirchen, Bibliotheken, Konzert- und Kulturhäusern vorbei. Unser Ziel: der Hauptbahnhof („Centralstation“ bzw. „T-Centralen“). Dort buchten wir online das Ticket für die Fährüberfahrt nach Riga am nächsten Tag und erledigten somit bravourös die erste Tagesaufgabe.

An der zweiten scheiterten wir aber kläglich. Ich wollte in einem Burger King Mittag essen, doch scheinbar bestand die ganze Innenstadt nur noch aus McDonalds Filialen. Nach mehr als einer Stunde resignierten wir und gingen doch zum einzigen uns bekannten Burger King – dem im Hauptbahnhof, der aber viel zu wenige Sitzgelegenheiten hatte, zurück.

So gestärkt konnten wir uns nun in die historische Altstadt („Gamla Stan“) stürzen und gleich danach ins alternative Viertel namens „Södermalm“ im Süden der Altstadtinsel. Dort gibt es einen Fahrstuhl, den man entweder gegen Bezahlung nutzt oder aber man steigt ein paar Treppen, die etwas versteckt sind, hinauf. Egal welche Variante man bevorzugt, oben angekommen erwartet einen ein schöner Ausblick auf Gamla Stan und die umliegenden Gewässer.

Nach dieser „Kraftanstrengung“ setzten wir uns in ein nettes kleines Cafe an der Hauptgasse in Södermalm. Nach ein paar Tees meldete sich Israel per SMS und wir verabredeten uns zum Schlittschuhlaufen in der Nähe des Olympiastadions von 1912. Leider bemerkten wir erst dort, dass am Sonntagnachmittag keine Ausleihmöglichkeiten mehr vorhanden waren. So blieb das Vergnügen leider bei zwei Freunden Israels, die eigene Schlittschuhe dabei hatten.

Zusammen mit Israel sowie seinen zwei Kommilitonen schrubbten wir zuerst die Küche und aßen danach zusammen das von ihm gekochte Essen – viel Hühnerfleisch, viele Schinkenwürfel und noch mehr Pilze, dazu Toastbrot und schwedisches Leichtbier.

Am nächsten Morgen stockten wir dann abermals unseren Essenvorrat für die bevorstehende Ostseeüberquerung auf und verabschiedeten uns von Israel nach dem Frühstück. Dann quetschten wir unsere zwei großen Rucksäcke und das Essen in eines der großen Schließfächer am Hauptbahnhof und nutzten die Zeit bis zum Ablegen am späten Nachmittag für eine weitere Sightseeingtour.

Empfehlenswert ist es, mal in der Altstadt von den Ausgetrampelten Touripfaden abzuweichen, da man dort viele kleine Gassen mit alternativen Läden finden kann. Zum Mittagessen fuhren wir wieder zurück in die Stadt, wobei wir diesmal quasi gegenüber vom blauen „Konserthuset“ fündig wurden.

Im Kellergeschoß der „Kungshallen“ hatte ich Glück mit meiner Wahl einer lateinamerikanischen Speise, wohingegen Madlene mit ihrem indischen Essen weniger glücklich. Aber für einigermaßen gute Preise wird bei einer großen Auswahl an türkischem, chinesischem, italienischem oder sogar libanesischem Essen, denk ich mal, jeder was Passendes finden.

Ein letztes Mal in Skandinavien gingen wir in ein Café, das „Café Club 60“ in der Sveavägen Straße. Dort gibt es bei sehr gemütlichem Ambiente sehr große Tassen sowie leckeren Kuchen. Nun hieß es Abschied nehmen von Schweden, als wir mit U-Bahn und Bus am Fährterminal ankamen. Dort wartete auch schon die „Silja Festival“ auf uns. Nach dem problemlosen Einchecken, wir waren nahezu die einzigen Gäste zu der Zeit (gute dreiviertel Stunde vor dem Ablegen), wurden wir von brasilianischen Tänzerinnen und Tänzern empfangen. Nach dem Ablegen wurde dann nahezu stündlichen auf die großartigen Möglichkeiten des brasilianischen Abends hingewiesen, inklusive Tanzworkshops und Disco. Also genau das, was man auf einer Ostseefahrt haben möchte.

Wir zogen die Aussichtsplattform am Bug des Schiffes vor und beobachteten wie der Kapitän sich zwischen den unzähligen Inseln bis zum offenen Meer hindurchschlängeln musste.

Der Wecker klingelt und eigentlich sind wir schon in Riga. Pünktlich um 11 Uhr lettischer Zeit legen wir an. Die Rucksäcke werden wieder im Bahnhof verschlossen und wir begaben uns auf eine erste kurze Besichtigunstour durch das winterliche Riga.

PS: Im Mc Donalds gegenüber vom Hauptbahnhof gibt es kostenloses W-LAN…

Kopenhagen – Göteborg – Stockholm

geschrieben am Samstag, 6. März 2010

Jönköping
Wir sitzen im schnellsten Zug der schwedischen Bahn, dem X 2000 – ein Name wie eine Rakete – sieht auch von außen auch so aus, wie eine graue Metalldose mit ein bisschen Wellblech dran. Immerhin bringt uns dieses Gefährt direkt zum Stockholmer Hauptbahnhof. Diese, also alle Hauptbahnhöfe werden hier schlicht und ergreifend mit einem „C“ abgekürzt, in Dänemark beließ man es bei einem für uns einleuchtenderen „H“. Das erste und hoffentlich auch letzte Mal unserer Reise sind wir mit dem Zug unterwegs. Aber wie kam es überhaupt soweit?

Freitag, 5. März, wieder standen wir früh auf, frühstückten eher schnell als gut und standen so schon um halb 12 an der zuvor ausgeschauten Stelle kurz vor der Öresund-Brücke. Das Wetter meint es abermals sehr gut mit uns – strahlender Sonnenschein. Nach gut einer halben Stunde wurden wir unverhofft von Marion mitgenommen. Sie war gebürtige Berlinerin, ehe es sie vor über drei Jahrzehnten nach Schweden zog. Nun war sie für ein großes deutsches Chemieunternehmen aus Baden-Württemberg tätig. Anfangs war sie eher skeptisch, weil es für sie das erste Mal war, dass sie Anhalter mitnahm, später war sie hoch erfreut uns Göteborg näher zu bringen. Sie gab uns viele Tipps mit auf den Weg und setzte uns ganz in der Nähe des Stadtzentrums aus.

Göteborg
Mit dem Mittagessen und einem kurzen Stadtbummel vertrieben wir uns dann die Zeit, bis unser Host, Peter, mit der Uni fertig war. Nachdem wir unsere Rucksäcke in Peters schmucker und fantastisch liegender Ein-Zimmer-Wohnung abstellten, tauten auch wir wieder auf. Mit Bier und Wein sowie einer kleinen Kneipentour ließen wir den Abend ausklingen. Wir unterhielten uns sehr nett mit Peter und in einer der Kneipen auch mit dem angeheiterten Jimmy, der von sich behauptete auf einem Schlepper zu arbeiten und uns im Sommer unbedingt als Skipper auf seinem Segelboot dienen will.

Der nächste Morgen begann mit einem Omlette-Frühstück, welches Peter für uns in seiner kleinen Küche zubereitete. Nachdem wir abermals unsere Rucksäcke in die voluminösere Form brachten, fuhren wir zusammen in die Stadt. Dort verabschiedeten wir uns von ihm und suchten unseren Startspot auf. Es fiel uns auf, dass wir das falsche Schild vorbereitet hatten, denn eine langsamere, weil längere, Route war zwar mit der Richtung „Stockholm“ ausgeschildert, doch die wesentliche Schnellere führte eben über „Jönköping“. Das war aber alles halb so schlimm, denn nicht unweit vom Spot war ein Netto, noch der „alte“ mit dem Hund. Natürlich gab es dort ausreichend Pappen und nebenbei konnte auch der Essensvorrat aufgestockt werden.

Also schnell das richtige Schild gemalt und kaum streckten wir dieses den Autofahrern entgegen, schon hielt eine schwedische Oma auf dem Rückweg von ihren Enkeln an. Schon wieder eine allein fahrende Frau und schon wieder das erste Mal jemanden mitgenommen. Auch sie hatte eine spannende Geschichte zu erzählen. So wuchs sie in Äthiopien auf und kam erste im Schulalter nach Schweden. Ihre Eltern waren Missionare in Afrika, entschieden sich aber dafür, dass sie und ihre fünf Geschwister in der Heimat aufwachsen sollten. Allerdings fand sie es als Kind weniger schön, denn es war ihr im Vergleich viel zu kalt. Da konnte auch der Schnee nicht viel ändern, es geht sogar soweit, dass sie bis dato noch nie auf Skiern stand. Sicherlich sehr außergewöhnlich für eine Skandinavierin.

Da sie kurz hinter Jönköping wohnte, ließ sie uns an einer Art Autohof raus. Leider war dieser denkbar schlecht gelegen, einerseits wenig befahren und anderseits war in der Nähe eine riesige Shoppingmall mit vielen örtlichen Fahrern. Letztendlich warfen wir sprichwörtlich das „Schild in den Schnee“. Nach gut 1,5 Stunden auf der Autobahnzufahrt gaben wir auf, nahmen den Bus in die Nahe Stadt, frustrierten am Ticketautomaten und am Transportsystem (Fernbusse können nur am Ticketschalter [der war bereits geschlossen] oder übers Internet gebucht werden – eine Bezahlung beim Fahrer war nicht möglich). Wenn mal nix läuft dann natürlich richtig, so kam es, dass der X 2000 nach Stockholm ausgebucht war. So mussten wir unsere Tickets an Bord kaufen – mit saftigem Aufschlag. Am Hauptbahnhof war uns das Glück dann aber wieder Holt, denn Israel ein spanischer Erasmusstudent antwortete auf eine der zahlreichen Anfragen. Zwar nächtigen wir nun die nächsten drei Tag zu dritt im Studentenwohnheim, aber wir wollen ja auch die Stadt besichtigen und nicht in der Bude rumhhocken.

PS: Folgende „Klischees“ konnten bestätigt werden: nahezu das erste größere Gebäude, was wir in Schweden sahen war ein IKEA und in Schweden gibt es wirklich Elche. Von der Autobahn sahen wir sie leibhaftig und zu dritt.

PSS: Fotocopyright liegt bei Madlene ;-)

Kopenhagen

geschrieben am Donnerstag, 4. März 2010

Schon den zweiten Abend verbringen wir nun in der dänischen Hauptstadt – und damit auch unseren letzten. Wieder kocht unser Host, Martin, für uns und die Mitbewohner ein großartiges Abendessen. So haben wir schließlich auch heute die Kälte im Körper abgestreift, doch die Beine sind noch immer schwer. Kilometer für Kilometer haben wir auch heute wieder das dänische Kopfsteinpflaster mit unseren Tritten malträtiert.

Nach einer relativ ereignislosen Zugfahrt, nur die Grenzbeamten rissen uns zweimal gegen 3 und 7 Uhr aus unseren Träumen, kamen wir am Mittwochmittag im sonnigen Kopenhagen an. Nach kurzer Studie des örtlichen Nahverkehrssystems fanden wir schnell zum Haus, in welchem wir nun schon die zweite Nacht verbringen. Noch am ersten Tag hakten wir die Altstadt, Nyhavn, Christianshavn und die Freistadt Christiania auf unserem imaginären Plan ab. Heute waren dann die zwei königlichen Stadtschlösser, das Kastell und die berühmte Meerjungfrau dran. Nach unserer obligatorischen Tour tingelten wir mit Martin noch durch ein paar Bars und Cafés, ehe wir am Ende mit einem der besten Eise (ist das die Mehrzahl von Eis) aus der „Ismageriet“ belohnt wurden.

Also, an alle Kopenhagenreisende: Mit dem Metrobus 33 ab Rathausplatz in Richtung Ørestad fahren, an der Haltestelle „Kanadavej“ aussteigen, in Fahrtrichtung noch rund 100m abwärts gehen und schon steht man vor der kleinen, mintgrünen Eisdiele im 60er Jahre Design. Vom Feinsten!

Ansonsten entspricht Kopenhagen dem „Klischee“: teuer, überall Hotdogstände und alles fast schon zu sauber und durchgestylt.

PS: Studieren in Dänemark ist ein Traum. Statt Studiengebühren bekommen(!) alle dänischen Studierenden rund 800€ pro Monat und das führ sieben(!) Jahre. Kein Wunder also, dass sich unser Host mit fünf Kumpels ein Einfamilienhaus mieten kann…

Einmal um die Ostsee

geschrieben am Donnerstag, 25. Februar 2010


Am nächsten Dienstag geht es los: per Nachtzug nach København (A), von dort nach Göteborg (B), dann nach Stockholm (C). Mit der Fähre über Nacht nach Riga (D), dann Vilnius (E), Gdansk (F) und über Szczecin (G) zurück nach München (H). Alle Landstrecken per Daumen und geschlafen wird bei Couchsurfern. Soweit die Theorie.

Jena - München-Pasing

geschrieben am Mittwoch, 24. Februar 2010

Kein großes Ding eigentlich, da ich viel Zeit hatte und das Wetter auch optimal war. Halb eins stand ich an der Stadtrodaer Straße, der Jenenser “Stadtautobahn” zur A4. Ich wusste, das man hier immer etwas länger wartet aber mit ein wenig Geduld bekommt man immer einen guten ersten Lift. So auch heute nach gut 30 Minuten. Ein Geschäftsmann aus Plauen, der des öfteren in Jena ist, bringt mich schonmal bis auf die A9 - Tanke Hermsdorfer Kreuz. Nun kann noch viel weniger schiefgehen. Die Tanke wird zwar nicht allzu viel angefahren, doch fährt praktisch jeder Richtung München. Wieder nach gut einer halben Stunde und nach ungefähr zehn Befragungen ziehe ich quasi das große Los. Günther, ungefähr 50 Jahre alt, Schnauzer und Vokuhila. Er sieht zwar eher aus wie das Kennzeichen seines VW Busses, PR für den Landkreis Prignitz in Brandenburg, er ist aber der Urbayer schlechhin. Ich verstehe nur jedes zweite Wort. Wir reden viel über Bier und die Kirche und am Ende bringt er mich bis zum Pasinger Bahnhof - perfekt! Die Bayern sind hald doch die besseren Ossis!

Trampen…

geschrieben am Mittwoch, 24. Februar 2010

Mit der Lubitel durch die Kälte

geschrieben am Dienstag, 23. Februar 2010

Lomo Lubitel 166

Mit meiner “neuen” russischen Mittelformatkamera, der mindestens 30 Jahre alten Lomo Lubitel 166, gehts ab Mittwoch erst nach München und danach quer durch Nord- und Osteuropa. Im Gepäck sind auch drei schwarz-weiß Filme. Ich bin sehr auf meine ersten Analogfotos gespannt und hoffe, dass ich die Anschaffung nicht bereuhe. Und es wird natürlich wesentlich länger dauern die Ergebnisse zu sehen.

Die endgültige, aber spontan sich ändernde Route wird am Mittwoch zusammen mit meiner charmanten Reisebegleitung ausgekaspert. Bisher sind nur die Nachtzugtickets nach Kopenhagen gebucht. Schweden, Lettland, Litauen und Polen sind dann die weiteren Ziele. Es kribbelt schon im Daumen …

Wladimir Kaminer

geschrieben am Sonntag, 14. Februar 2010

Wladimir Kaminer
Für to4ka-treff interviewte ich gestern den bekannten Autor Wladmir Kaminer. Im Rahmen seiner Lesetour verweilte er im ostthüringischen Altenburg. Zusammen mit Maxim, bewaffnet mit zwei Kameras und einem Fotoapparat, machten wir uns mit dem Zug in das gut anderthalb Stunden entfernte schmucke Städtchen. Dort fanden wir nach kurzer Suche und mehrmaligem Nachfragen auch den Veranstaltungsort.

Vom Veranstalter bekamen wir dann sogleich einen separaten Raum zur Verfügung gestellt, so dass wir in Ruhe unsere Sachen aufbauen und das Interview vorbereiten konnten. Eine halbe Stunde vor Beginn der Lesung begannen wir mit Kaminer das Interview. Man merkte ihm zwar an, dass er auf seinen Auftritt konzentriert war, er hatte aber trotzdem die eine oder andere Anekdote parat.

Weitere Fotos seiner gestrigen Lesung im Logenhaus in Altenburg: hier

Olympisches Dorf München

geschrieben am Mittwoch, 3. Februar 2010

Olympisches Dorf
Olympisches Dorf
Olympisches Dorf
Olympisches Dorf
Olympisches Dorf

Eine ganz normale Sightseeing-Tour?
Strahlende Erinnerungen fürs Fotoalbum

geschrieben am Dienstag, 26. Januar 2010

Prypjat
Wer alle „klassischen“ Sehenswürdigkeiten der Welt gesehen hat, mit Haien getaucht ist und auch schon den Kilimandscharo bestiegen hat, dem bleibt nur die Unsichtbare Gefahr – Radioaktivität. Für etwas Geld und viel Wagemut kommt man schon in die Sperrzone um das 1986 havarierte Kernkraftwerk Tschornobyl.

Eine sechsspurige Ausfallstraße liegt zwischen der Endhaltestelle der Roten Linie der Kiewer Metro und einem lebendigen Tagesmarkt im Norden der Stadt. Ein grüner Omnibus sticht heraus. Es mag an der Farbe liegen, denn die meisten Kiewer Marschrutkas sind in knalligem Gelb gehalten, oder aber an dem Wissen, dass dieser Bus 28 Teilnehmer eines multilateralen Projekts an einen der meistverseuchten Orte der Welt bringen wird – in die Sperrzone um Tschornobyl – freiwillig, sowie mit einer Menge Kameraequipment und Hintergrundwissen im Gepäck.

Willkommen in der Zone

Die Anspannung in der Gruppe steigt merklich an, als am Ditjatki-Checkpoint, am Rand des mittlerweile rund 4300 km² großen Sperrgebietes, ein junger Soldat den Bus betritt. In der Hand hält er die Liste aller Tagesgäste, welche augenblicklich die Zone offiziell betreten werden – die Teilnehmer eines Workshops zum Thema Tschornobyl und heute auch „Extremtouristen“.

Sorgsam hakt er alle kontrollierten Passnummern ab. Ruhig und routinemäßig. Seit der Öffnung der Sperrzone für Pauschaltouristen 2002 werden es Jahr für Jahr mehr Besucher. Offizielle Zahlen des unter „Ökotourismus“ oder „Lernen aus der Geschichte“ laufenden Programms der Regierung gibt es nicht. Allerdings dürften weit über 1000 Besucher in diesem Jahr zu erwarten sein.

Eine offizielle Anmeldung, wie sie für eine solch große Gruppe notwendig ist, kostet pro Person ungefähr 50 Dollar. Der Guide ist bereits inbegriffen. Also ein echtes Schnäppchen…

Dafür mussten im Vorfeld sämtliche Passnummern durchgegeben und eine detaillierte Projektbeschreibung zur Prüfung vorgelegt werden. Alles wurde akribisch geprüft und jeder Teilnehmer ausgiebig durchleuchtet. So teilt man der Gruppe mit, dass man Bescheid wüßte, wer schon einmal die Zone betreten hatte oder wer politisch aktiv ist. Die Gruppe bekommt schließlich die Erlaubnis und so steht dem Eintritt in die Zone faktisch keine Hürde mehr im Weg.

Die erste Schranke zur Sperrzone öffnet sich und kurz danach steigen zwei Guides hinzu. Der erste Anlaufpunkt ist das Chernobyl InterInform in Tschornobyl, die staatliche Anlaufstelle für alle Besucher in der Zone.

Info:
Für den „Extremtourismus“ wurde ein extra Regierungsdepartment geschaffen, welches dem Ministry of Extraordinary Situations of Ukraine unterstellt ist, um die Bewegungen innerhalb der Sperrzone zu kontrollieren und zu verwalten. Die Hauptaufgabe des Ministeriums besteht darin, die Zivilbevölkerung vor den Auswirkungen der Katastrophe von Tschornobyl zu schützen.

Alles im Toleranzbereich

Eigentlich wohnen nur noch rund 400 von vormals 14.000 Menschen in der Stadt Tschornobyl. Die Straßen wirken weitaus belebter als man erwarten würde. Natürlich sind die meisten Gebäude verrammelt. Natürlich sieht man zum Großteil Männer in Uniformen. Und natürlich ist die Stadt auch etwas ungepflegt, geradezu verwildert. In ihre Hütten zurücklaufende Babuschkas und handzahme Katzenbabys geben der ganzen Szenerie etwas Widersprüchliches und Groteskes.

„Die Wege sind nicht zu verlassen, dem Guide ist unbedingt Folge zu leisten!“, lautet der letzte eindringliche Ratschlag, bevor alle zum einzigen restaurierten Gebäude gebracht werden – der orthodoxen Kirche St. Elias am Rand der ehemaligen Kleinstadt. Der imposante Bau erstrahlt wie frisch gestrichen und bietet sich deshalb als nicht allzu oft fotografiertes Objekt an, bevor die verlassenen und zerfallenen Häuser auf der anderen Straßenseite die Aufmerksamkeit der Gruppe auf sich ziehen. Die ersten einhundert Fotos sind verschossen.

Das kleine Stadion am Rande von Tschornobyl ist von Pflanzen überwuchert. Wo einst Fußballspiele und Spartakiaden stattfanden, befindet sich nun ein kleines Freiluftmuseum der besonderen Art. In der Nähe des nicht mehr zu erkennenden Mittelkreises stehen zwei ausrangierte Panzer und ein Feuerwehrauto, die bei der Katastrophe kontaminiert wurden. Direkt vor dem Ensemble hat man ein auffälliges „Radioaktivitäts“-Zeichen in den Boden gerammt – gerade so, als könnte einem dieser Umstand hier entfallen.

Der Geigerzähler kommt zum ersten Mal zum Einsatz und beweist, dass das verrostete Metall der Fahrzeuge radioaktiv strahlt. Die Mutigsten berühren die Fahrzeuge, die weniger Mutigen halten sich in vermeintlich sicherer Entfernung. Am Rande des Sportfeldes blühen Blumen, die, frisch gepflanzt, so gar nicht hierher passen. Die Hupe des Busfahrers beendet den zweiten Programmpunkt der Tour. Es geht weiter.

Am Ortsausgang, genau vor der Feuerwehrstation Tschornobyls, steht das beeindruckende Denkmal für die Feuerwehrmänner, die im Kampf gegen den schwelenden Graphitbrand im Inneren von „Block 4“ schwere Strahlenschäden davontrugen oder sogar ihr Leben ließen. Der Gruppe bleiben zehn Minuten Zeit, um ein schnelles Erinnerungsfotos von dem Monument zu schießen, das von einigen Betroffenen selbst gestaltet wurde.

Der Sarkophag des Grauens

Kurz nachdem man den zweiten Kontrollpunkt, Lelev, problemlos passiert, erscheint das Ungetüm: der verunglückte „Reaktor Nummer 4“, der Sarkophag. Das verrostete Stahlmonster ist schaurig schön für die einen, erschreckend für die anderen und bedrohlich für alle. Der Geigerzähler schlägt aus, so heftig wie noch nie – nur 200 Meter Luftlinie entfernt von der rostigen Außenhaut. Jetzt wird die europäische Norm für Gamma-Strahlung mehr als 20 Mal überschritten. Absurd, aber genau das ist, zusammen mit dem Sarkophag im Hintergrund, ein perfektes Motiv.

Die Fahrt im grünen Reisebus führt nun in die Geisterstadt Prypjat. Hier sollte nach dem Willen der sowjetischen Planer eine Vorzeigestadt entstehen. So erfolgte 1970 die Grundsteinlegung der ersten Wohnblocks, kurz vor Inbetriebnahme des Kernkraftwerks. Im Jahr der Katastrophe wohnten dort über 45.000 Menschen – vor allem junge Familien mit Kindern. Und nur drei Kilometer vom Reaktor entfernt.

Inzwischen wohnt dort keine Menschenseele mehr. Der Bereich ist militärisch abgeriegelt. Ein Stacheldrahtzaun umringt die Stadt und ein Außenposten der Armee überwacht die ein- und ausgehenden Touristengruppen.

Haltestelle Prypjat

Der Bus parkt vor dem ehemals größten Hotel der Stadt. Vorbei am Theater durch einen kleinen Wald schlängelt sich wenig später die Reisegruppe. Eindrucksvoll stellt der Guide die im Moos gebundene Strahlung unter Beweis. Je länger der Geigerzähler über die unscheinbare Pflanze gehalten wird, desto höher steigt der Zähler, am Ende wird die Norm um das 100-fache überschritten.

Hinter dem Theater befindet sich der Festplatz, auf dem für das 1. Mai-Fest 1986 Fahrgeschäfte aufgebaut wurden. Das riesige Karussell und der Autoscooter wurden nie von den Kindern Prypjats benutzt. Diese beiden Stahlkolosse sowie ein paar kleinere Attraktionen geben das kontrastreichste Fotomotiv der Stadt ab. Allzu nah sollte man den total verrosteten Gefährten aber nicht kommen, denn Metall konserviert Radioaktivität ähnlich lange wie Moos. Je länger man diese unheimliche Kindheitsidylle durchstreifet, desto unbequemer und bedrohlicher wirkt sie. Die Gefahr lauert überall, ist nicht aufzuhalten, kriecht den Rücken hinauf und überzieht die „Extremtouristen“ mit Unbehagen.

Ein Teil der Gruppe wartet bereits nervös am Bus, während der Rest noch durch das Innere des ehemals stattlichen Theaters streift. Diese einmalige Konstellation, das Pseudogefühl der Einsamkeit, (Sowjet-)Nostalgie und der Gedanke im Hinterkopf, hier nie wieder hinzukommen, treibt den Adrenalinspiegel und die Betätigung des Auslösers in die Höhe. Die Radioaktivität und damit die allseits präsente Gefahr werden dabei ausgeblendet oder ob des „einzigartigen Abenteuers“ in Kauf genommen. Das Erdgeschoss des Theaters ist nach kurzer Zeit so überlaufen, dass es schwierig wird Fotos zu schießen, ohne andere Menschen mit auf dem Bild zu haben – denn die würden ja die Illusion der Geisterstadt, und somit die ganze Szenerie, zerstören.

Am späten Nachmittag, nach über fünf Stunden in der Sperrzone und mit gut einem Viertel der Strahlenbelastung der dort immer noch arbeitenden Kernkraftwerkarbeiter, wird wieder der Ausgangspunkt erreicht. Am Kontrollpunkt Ditjatki wird zum letzten Mal die Strahlendosis der Teilnehmer überprüft und viele wechseln ihre Kleidung. Die Schuhe wandern direkt in den Müll – eine extra bereitgestellte Schubkarre.

Vergänglich werden die Erinnerungen sein, vielleicht auch die Fotos, die man den eigenen Enkeln irgendwann einmal zeigt. Was aber noch über die nächsten Generationen hinaus existieren wird, ist die radioaktive Strahlung – und damit auch der Reiz für die künftigen „Extremtouristen“.

Der Artikel erschien in der 9. Ausgabe der politischen Zeitschrift conText
_DSC3610_DSC3621
>>> Weitere Fotos zum Artikel
>>> Weitere Fotos aus der Sperrzone um Tschornobyl